Gesellschaft

Das deutsche Bürgertum im 19. Jahrhundert: Aufstieg und Werte

Das Bürgertum im 19. Jahrhundert: wie Bildung, Leistung und Kultur eine neue Klasse formten und warum ihr Wertekosmos bis in die Gegenwart nachwirkt.

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Von Martin Mosebach · Klassik, Romane & Kulturdebatten

In den Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts stand im besten Zimmer ein Klavier, auf dem kaum jemand wirklich spielen konnte, und im Bücherschrank eine Goethe-Ausgabe, deren Bände man seltener aufschlug, als man sie abstaubte. Man kann darüber spotten – und hat es reichlich getan. Doch wer das Bürgertum im 19. Jahrhundert nur als Klasse der Attrappen beschreibt, verfehlt sein eigentliches Kunststück: Eine Minderheit ohne angestammte Privilegien erfand sich eine Lebensform und setzte sie mit solcher Beharrlichkeit durch, dass ein ganzes Jahrhundert nach ihr benannt werden konnte.

Bürgertum im 19. Jahrhundert: Vom Stand zur Klasse

Um 1800 war der Bürger noch vor allem ein Rechtsbegriff. Bürger war, wer das Bürgerrecht einer Stadt besaß – der Handwerksmeister, der Kaufmann, der Ratsherr. Diese alte Stadtbürgerschaft war ständisch gedacht: Sie grenzte sich nach oben gegen den Adel und nach unten gegen die Unterschichten ab, aber sie definierte sich über Herkommen und Korporation, nicht über Leistung. Wie dieses Gefüge im Jahrhundert zuvor bereits zu bröckeln begann, als Aufklärung und Lesekultur neue Formen bürgerlicher Öffentlichkeit hervorbrachten, habe ich im Beitrag über das Bürgertum im 18. Jahrhundert beschrieben.

Das 19. Jahrhundert verwandelt diesen Stand in etwas Neues. Die preußischen Reformen nach der Niederlage gegen Napoleon – Städteordnung, Gewerbefreiheit, Bauernbefreiung – lockern die ständische Ordnung. Wer etwas kann, darf es nun auch tun, jedenfalls im Prinzip. Damit wird aus dem Bürgertum allmählich eine soziale Formation, die sich nicht mehr über das Stadtrecht bestimmt, sondern über Besitz, Bildung und eine gemeinsame Lebensführung.

Zwei Gesichter einer Klasse

Die Forschung unterscheidet deshalb zwei Gruppen, die im Bürgertum im 19. Jahrhundert in Deutschland zusammenfinden. Das Wirtschaftsbürgertum – Kaufleute, Bankiers, Fabrikanten – verdankt seinen Aufstieg Kapital und Unternehmergeist. Das Bildungsbürgertum – Beamte, Professoren, Pfarrer, Ärzte, Juristen, Gymnasiallehrer – verdankt ihn dem Studium und dem Staatsdienst. Beide Gruppen waren zahlenmäßig klein; je nach Definition umfasste das Bürgertum nur einen geringen Teil der Bevölkerung. Und doch prägten sie Sprache, Geschmack und Moral weit über ihre eigenen Reihen hinaus.

Was den Bürger zum Bürger macht

Eine Definition des Bürgertums im 19. Jahrhundert muss diese Doppelgestalt aushalten. Was den Fabrikanten aus Barmen mit dem Altphilologen aus Göttingen verband, war weniger das Einkommen als eine geteilte Vorstellung davon, wie man zu leben habe: mit Disziplin im Beruf, mit Bildung im Haus, mit einem Sinn für Form, der sich vom Tischgespräch bis zum Grabstein erstreckte. Bürgerlichkeit war eine Haltung, bevor sie eine Statistik wurde.

Leistung, Bildung, Moral: Der Wertekosmos der Bourgeoisie

Bürgerliche Werte lassen sich aufzählen, und gerade darin liegt eine Gefahr: Die Liste – Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Pflichtgefühl, Selbstbeherrschung – klingt nach Poesiealbum und Kontorstube. Unterschätzt wird dabei, wie radikal diese Tugenden einmal waren. Sie behaupteten, dass der Wert eines Menschen nicht in seiner Geburt liege, sondern in dem, was er aus sich macht. Das war eine Kampfansage an den Adel, auch wenn sie im Gehrock vorgetragen wurde.

Bildung als Eintrittskarte

Im Zentrum stand die Bildung. Wilhelm von Humboldts Neuordnung des preußischen Bildungswesens und die Gründung der Berliner Universität 1810 machten das humanistische Gymnasium und das Studium zum Königsweg des Aufstiegs. Bildung meinte dabei mehr als Fachwissen: Sie zielte auf die Formung der ganzen Persönlichkeit, auf Geschmack und Urteilskraft. Wer Homer im Original gelesen hatte, gehörte dazu – gleichgültig, ob sein Vater Schneider gewesen war.

Dieser Anspruch hatte eine Kehrseite. Bildung wurde zum Distinktionsmerkmal, und wer über sie verfügte, beanspruchte auch das Recht, zu bestimmen, was als gebildet zu gelten habe. Das Bildungsbürgertum entwickelte eine Deutungshoheit über Kultur, Geschichte und Nation, die es selten offen aussprach, aber mit großer Selbstverständlichkeit ausübte. Was dieser Begriff meint und wie umkämpft er bis heute ist, erläutert der Beitrag Was ist Deutungshoheit?

Moral als Selbstdisziplin

Hinzu kam eine Moral, die vor allem nach innen wirkte. Die bürgerliche Familie wurde zum Ort der Erziehung, die Ehe zur sittlichen Institution, das Haus zum Gegenbild der Welt der Geschäfte. Diese Trennung von öffentlicher und privater Sphäre gehört zu den folgenreichsten Erfindungen des Jahrhunderts – mit allen Einschränkungen, die sie insbesondere für Frauen bedeutete.

Die bürgerlichen Tugenden behaupteten, dass der Wert eines Menschen nicht in seiner Geburt liege, sondern in dem, was er aus sich macht.

Die Ästhetik des Salons: Kultur als bürgerliches Distinktionsmerkmal

Wer verstehen will, wie die Bourgeoisie sich selbst sah, muss in ihre Wohnungen schauen. Der Biedermeier-Salon, später das plüschige Gründerzeit-Interieur, war keine bloße Einrichtung, sondern ein Programm. Hier wurde vorgeführt, dass man es geschafft hatte, und zugleich, dass man mehr war als reich.

Hausmusik und Vereinswesen

Das Klavier ist das Emblem dieser Ästhetik. Hausmusik war im 19. Jahrhundert eine der zentralen Kulturtechniken des Bürgertums; Töchter lernten spielen, man musizierte im Familienkreis, und die großen Sinfonien gelangten oft erst als Klavierauszug in die Häuser, lange bevor die meisten sie je im Konzertsaal hörten. Welche Erfahrung ein solcher Auszug bis heute bereithält, zeigt der Beitrag über Beethovens 5. Sinfonie auf dem Klavier.

Neben dem Salon standen die großen Institutionen, die das Bürgertum im Lauf des Jahrhunderts selbst hervorbrachte: Kunstvereine, Musikvereine, Konzerthäuser, Stadttheater, Museen. Das Vereinswesen wurde zum Organisationsprinzip bürgerlicher Kultur. Was der Adel bei Hof besessen hatte, schuf sich das Bürgertum in der Stadt – öffentlich, aber nicht für alle.

Distinktion und Fassade

Man darf die Schattenseite nicht unterschlagen. Die Ästhetik des Salons war auch eine Ästhetik der Fassade; der Historismus, der Neorenaissance-Paläste für Versicherungsgesellschaften baute, verriet eine eigentümliche Unsicherheit. Wer so laut auf Tradition pocht, besitzt sie nicht. Und doch ist das Urteil zu billig, das in alledem nur Imitation sieht. Die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts hat Werke ermöglicht, ohne die unser Kanon nicht denkbar wäre – vom Roman bis zum Liederabend. Wie sich die Frage nach bürgerlicher Ästhetik in der Gegenwart neu stellt, verfolgt der Beitrag über Ulf Poschardt und die Ästhetik des Bürgertums.

Ökonomische Emanzipation: Handel, Industrie und der Geist des Kapitalismus

Die Bildung allein hätte das Bürgertum nicht nach oben getragen. Der zweite Motor war die Wirtschaft. Die Industrialisierung, die in Deutschland später einsetzte als in England, dann aber mit großer Wucht, schuf eine neue Schicht von Unternehmern, deren Vermögen bald mit dem alter Adelsfamilien konkurrieren konnte. Eisenbahnbau, Montanindustrie, Maschinenbau und Chemie wurden zu Feldern bürgerlichen Erfolgs, die Gründerzeit nach der Reichsgründung 1871 zu seinem Höhepunkt – und zu seinem ersten großen Katzenjammer, als der Börsenkrach von 1873 die Euphorie beendete.

Adam Smith und die Moral des Marktes

Geistig vorbereitet war dieser Aufstieg durch die liberale Ökonomie. Adam Smiths „Wealth of Nations“ von 1776 lieferte das Argument, dass das eigennützige Handeln vieler Einzelner dem Gemeinwohl dienen könne. Für ein Bürgertum, das sich gegen staatliche Bevormundung und ständische Schranken wandte, war das mehr als Theorie: Es war eine Rechtfertigung der eigenen Existenz.

Max Webers spätere Deutung

Am Ende des Jahrhunderts blickte Max Weber auf diese Entwicklung zurück. In seiner Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, erschienen 1904/05, stellte er die These auf, dass eine bestimmte religiös motivierte Lebensführung – rastlose Berufsarbeit, Askese, methodische Selbstkontrolle – den modernen Kapitalismus mit hervorgebracht habe. Die These ist bis heute umstritten. Aber sie trifft etwas Wesentliches am bürgerlichen Selbstverständnis: das Gefühl, dass Erfolg nicht bloß Glück sei, sondern Ausweis einer sittlichen Haltung.

Politisch blieb die Emanzipation dagegen unvollständig. Die Revolution von 1848, deren Frankfurter Nationalversammlung wegen ihrer vielen Gelehrten auch „Professorenparlament“ genannt wurde, scheiterte. In Preußen sicherte das Dreiklassenwahlrecht den Besitzenden zwar Einfluss, doch die Macht blieb bei Krone, Militär und Adel. Das deutsche Bürgertum wurde reich und gebildet, aber es regierte nicht.

Das Erbe des 19. Jahrhunderts: Zwischen Tradition und Transformation

Was bleibt? Thomas Mann hat in den „Buddenbrooks“ von 1901 den Verfall einer Kaufmannsfamilie über vier Generationen erzählt und damit dem bürgerlichen Zeitalter einen Abgesang geschrieben, der zugleich eine Liebeserklärung ist. Das Doppelte daran ist bezeichnend: Man kann vom Bürgertum des 19. Jahrhunderts kaum sprechen, ohne zugleich über seinen Niedergang zu sprechen, und kaum über seinen Niedergang, ohne etwas zu vermissen.

Die Werte, die es geprägt hat, sind nicht verschwunden; sie sind diffundiert. Leistung als Maßstab, Bildung als Aufstiegsversprechen, die Trennung von Beruf und Privatleben, das Konzertabonnement, der Lesekreis, der Verein – all das ist längst Allgemeingut einer Gesellschaft, die sich selbst nur noch selten bürgerlich nennt. Historiker sprechen von einer Verbürgerlichung anderer Schichten. Der Preis dieses Erfolgs war der Verlust der Kontur: Was alle haben, unterscheidet niemanden mehr.

Ob man das als Triumph oder als Auflösung liest, ist eine Frage des Standpunkts. Mein Urteil fällt zugunsten des 19. Jahrhunderts aus – nicht seiner Plüschsofas und seiner Doppelmoral wegen, sondern weil es den Gedanken in die Welt gesetzt hat, dass Kultur eine Aufgabe ist und kein Besitz. Wer heute leichtfertig von überholten Traditionen spricht, sollte wissen, was er verabschiedet; Überlegungen dazu finden sich im Beitrag Alte Zöpfe abschneiden.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Was charakterisiert das Bürgertum im 19. Jahrhundert?
Das Bürgertum im 19. Jahrhundert definierte sich nicht mehr über das Stadtrecht, sondern über Besitz, Bildung und eine gemeinsame Lebensführung. Es bestand im Wesentlichen aus dem Wirtschaftsbürgertum mit Kaufleuten, Bankiers und Fabrikanten sowie dem Bildungsbürgertum mit Beamten, Professoren, Ärzten und Juristen. Zahlenmäßig klein, prägte es Kultur, Moral und Geschmack der ganzen Gesellschaft.
Welche Werte prägten die bürgerliche Gesellschaft?
Zentral waren Leistung, Bildung und eine Moral der Selbstdisziplin: Fleiß, Ordnung, Sparsamkeit, Pflichtgefühl und Selbstbeherrschung. Dazu kamen die Familie als Ort der Erziehung und die Trennung von Beruf und Privatleben. Der Kern dieser Werte war die Überzeugung, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Geburt, sondern von seiner Leistung abhängt.
Wie gelang dem Bürgertum der soziale Aufstieg?
Der Aufstieg ruhte auf zwei Säulen: wirtschaftlichem Erfolg im Zuge der Industrialisierung und Bildung über Gymnasium, Universität und Staatsdienst. Reformen wie die Gewerbefreiheit lockerten zudem die ständische Ordnung. Politisch blieb die Emanzipation allerdings unvollständig, da nach dem Scheitern der Revolution von 1848 Krone, Militär und Adel die Macht behielten.
Welche Rolle spielte die Bildung für das 19. Jahrhundert?
Bildung war die Eintrittskarte ins Bürgertum. Mit Humboldts Neuordnung des preußischen Bildungswesens und der Gründung der Berliner Universität 1810 wurden humanistisches Gymnasium und Studium zum Königsweg des Aufstiegs. Bildung zielte dabei auf die Formung der ganzen Persönlichkeit und wurde zugleich zum Mittel der Abgrenzung gegenüber anderen Schichten.
Inwiefern unterschied sich die Bourgeoisie vom Bildungsbürgertum?
Der Begriff Bourgeoisie wird oft im ökonomischen Sinn gebraucht, besonders seit Marx und Engels, und meint vor allem die Besitzer von Kapital und Produktionsmitteln. Das Bildungsbürgertum dagegen definierte sich über akademische Bildung und Staatsdienst, nicht über Vermögen. Beide Gruppen teilten jedoch eine Lebensführung und ein Wertesystem.
Welchen Einfluss hatte Max Webers Ethik auf das bürgerliche Selbstverständnis?
Max Weber deutete in seiner Studie über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus von 1904/05 rückblickend, wie eine religiös motivierte Lebensführung mit Berufsarbeit, Askese und Selbstkontrolle den modernen Kapitalismus mitgeprägt habe. Die These ist umstritten, beschreibt aber treffend das bürgerliche Gefühl, Erfolg sei Ausweis einer sittlichen Haltung.