Musik

Wann war eigentlich die Barockzeit?

Wann war die Barockzeit? Von etwa 1600 bis 1750: ein Streifzug durch Musik, Literatur und Architektur einer Epoche zwischen Prunk und Vergänglichkeit.

wann war die barockzeit

Von Martin Mosebach · Klassik, Romane & Kulturdebatten

Wann war die Barockzeit? Die Schulbuchantwort lautet: ungefähr von 1600 bis 1750, je nach Kunstgattung etwas früher oder später endend. Das ist richtig und erklärt doch fast nichts. Denn der Barock ist weniger ein Zeitraum als eine Haltung — die trotzige, vergoldete Antwort eines Jahrhunderts, das den Tod täglich vor Augen hatte und ihm mit Fugen, Kuppeln und Sonetten begegnete. Wer die Jahreszahlen verstehen will, muss deshalb wissen, wovor diese Epoche sich fürchtete und wonach sie sich sehnte.

Die zeitliche Einordnung: Wann war die Barockzeit eigentlich?

Von wann bis wann war die Barockzeit? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Kunsthistoriker lassen den Barock in Rom schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts beginnen, mit den ersten Kirchenfassaden, die sich nicht mehr in Renaissance-Ruhe fügen wollten, sondern schwingen, drängen, überwältigen. Literaturwissenschaftler setzen für den deutschen Sprachraum meist 1600 bis etwa 1720 an. Die Musikgeschichte schließlich zieht die Grenze besonders gern an einem einzigen Datum: dem Todesjahr Johann Sebastian Bachs, 1750.

Als grobe Faustregel taugt also die Spanne von 1600 bis 1750. Im Süden Deutschlands und in Österreich klang die Barockzeit in der Architektur allerdings noch weit ins 18. Jahrhundert nach, verfeinert und aufgehellt zum Rokoko, das man als ihr verspieltes Spätwerk lesen kann.

Aufschlussreich ist auch der Name selbst. Er geht vermutlich auf das portugiesische barroco zurück, die schiefrunde, unregelmäßige Perle. Gemeint war das zunächst abschätzig: bizarr, überladen, aus der Form geraten. Erst im 19. Jahrhundert wurde aus dem Schimpfwort ein Epochenbegriff, maßgeblich durch Heinrich Wölfflins Studie „Renaissance und Barock“ von 1888. Eine Epoche, die von ihren Nachfahren zunächst verspottet und dann rehabilitiert wurde — das allein sagt schon einiges über den Geschmack der Moderne.

Früh-, Hoch- und Spätbarock: Drei Phasen einer Epoche

Ein Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten ist kein Block. Üblicherweise unterscheidet man drei Phasen, deren Grenzen je nach Disziplin um einige Jahrzehnte schwanken:

PhaseUngefährer ZeitraumPrägende Merkmale
Frühbarockca. 1600–1650Neuer Ausdruckswille, Geburt der Oper, Dreißigjähriger Krieg
Hochbarockca. 1650–1720Absolutismus, Prachtbauten, Gryphius und Grimmelshausen
Spätbarockca. 1720–1750Bach und Händel, Übergang zu Rokoko und galantem Stil

Der Frühbarock ist die Zeit des Aufbruchs und der Erschütterung zugleich. Der Hochbarock ordnet das Chaos — politisch im absolutistischen Staat, ästhetisch in der monumentalen Inszenierung. Und der Spätbarock bringt jene Meisterwerke hervor, an die wir heute zuerst denken, wenn das Wort fällt, obwohl er historisch bereits ein Abgesang ist. Dass ausgerechnet die Summe einer Epoche an ihrem Ende steht, ist kein Zufall: Bach schrieb seine größten Werke in einer Sprache, die seine eigenen Söhne schon für altmodisch hielten.

Zwischen Prunk und Elend: Das Lebensgefühl einer zerrissenen Epoche

Um den barocken Hintergrund zu begreifen, muss man sich die Lage um 1648 vorstellen. Der Dreißigjährige Krieg, der 1618 begonnen hatte, endete mit dem Westfälischen Frieden — und hinterließ ein Mitteleuropa, in dem ganze Landstriche entvölkert waren. Hunger, Pest und marodierende Söldner hatten ein Menschenleben billig gemacht. Wer in diesem Jahrhundert aufwuchs, kannte den Tod nicht als fernes Ereignis, sondern als Nachbarn.

Aus dieser Erfahrung speist sich das barocke Lebensgefühl, und es ist gespalten bis ins Mark. Auf der einen Seite steht das Memento mori — bedenke, dass du sterben musst —, auf der anderen das Carpe diem, die Aufforderung, den Tag zu nutzen, solange er währt. Dazwischen spannt sich das große Motiv der Epoche: Vanitas, die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen. Die Stillleben jener Zeit zeigen es mit fast grausamer Präzision: neben der prallen Traube der Totenschädel, neben der Taschenuhr die erloschene Kerze.

Das Verhältnis von Diesseits und Jenseits wird so zur Grundfrage. Das Diesseits ist prachtvoll, verführerisch, aber flüchtig; das Jenseits verspricht Dauer, verlangt aber Verzicht. Der Barock hat diesen Widerspruch nie aufgelöst. Er hat ihn ausgestellt — in Gold, Stuck und Marmor, als wolle er der Vergänglichkeit wenigstens eine prächtige Bühne bauen. Gerade darin liegt seine Modernität: Er glaubte nicht an die Harmonie, die die Renaissance noch versprochen hatte. Er glaubte an den Effekt, an die Überwältigung, an das Theater als Wahrheit über die Welt.

Klangvoller Glanz: Wann war die Barockzeit in der Musik?

Für die Musik lässt sich die Frage, wann die Barockzeit war, ungewöhnlich präzise beantworten: von etwa 1600 bis 1750. Am Anfang steht eine Revolution, am Ende ein Sterbedatum.

Monteverdi und die Erfindung des Affekts

Um 1600 wenden sich italienische Komponisten von der kunstvoll verflochtenen Vielstimmigkeit der Renaissance ab. Eine einzelne Melodie, getragen vom Generalbass — dem Basso continuo, einer bezifferten Bassstimme, über der Cembalo oder Laute die Harmonien improvisieren —, soll nun den Text verständlich machen und Gefühle unmittelbar ausdrücken. Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ von 1607 gilt als erstes Meisterwerk der neuen Gattung Oper. Die Barockmusik als Epoche ist deshalb vor allem eine Epoche des Affekts: Trauer, Zorn, Jubel werden musikalisch kodiert, beinahe katalogisiert.

Bach und Händel: Der doppelte Gipfel

Dass die beiden Riesen des Spätbarocks im selben Jahr geboren wurden, 1685, und nur rund 130 Kilometer voneinander entfernt, wirkt wie eine Pointe der Musikgeschichte. Begegnet sind sie sich nie. Johann Sebastian Bach hat den deutschen Sprachraum nie verlassen; zuletzt wirkte er als Thomaskantor in Leipzig und schuf mit der Matthäus-Passion, der h-Moll-Messe und dem Wohltemperierten Klavier eine Summe kontrapunktischer Kunst, die nach ihm niemand mehr in dieser Form anstrebte. Georg Friedrich Händel dagegen ging nach London, schrieb italienische Opern für ein zahlungskräftiges Publikum und fand, als die Mode umschlug, im englischen Oratorium seine zweite Karriere — der „Messiah“ ist ihr bekanntestes Zeugnis. Bach ist der Baumeister nach innen, Händel der Dramatiker nach außen. Erst zusammen ergeben sie das Bild einer Epoche, die zugleich fromm und weltgewandt sein wollte.

Bayreuth: Wo der Barock noch klingt

Wer wissen will, wie sich barocke Musik und barocker Raum zueinander verhalten, sollte nicht ins Konzerthaus gehen, sondern nach Oberfranken. Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, errichtet in den 1740er-Jahren im Auftrag der Markgräfin Wilhelmine, einer Schwester Friedrichs des Großen, und ausgestaltet von Giuseppe Galli Bibiena und seinem Sohn Carlo, gehört zu den am besten erhaltenen Barocktheatern Europas. Der Logenraum aus bemaltem Holz ist ein einziges Versprechen von Glanz — und zugleich Illusion, denn was wie Marmor und Gold aussieht, ist zu großen Teilen Malerei.

Genau darin liegt seine Lehre: Der Barock wusste, dass Pracht Inszenierung ist, und machte daraus keine Lüge, sondern eine Kunst. Seit 2012 ist das Haus Teil des Welterbes; wer einen Besuch plant, findet Hinweise im Beitrag über das UNESCO-Weltkulturerbe Markgräfliches Opernhaus. Man sollte dort eine Oper aus der Entstehungszeit hören. Erst in diesem Raum versteht man, dass barocke Musik nie für neutrale Säle geschrieben wurde, sondern für ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Licht und Repräsentation.

Literatur und Architektur: Steinerne und gedichtete Vanitas

Kein Dichter hat das Lebensgefühl der Epoche schärfer gefasst als Andreas Gryphius. Sein Sonett „Es ist alles eitel“ beginnt mit dem Vers „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden“ und führt in vierzehn Zeilen von der stolzen Stadt, an deren Stelle bald eine Wiese stehen wird, bis zum Ruhm der hohen Taten, der wie ein Traum vergeht. Gryphius schrieb aus der Erfahrung des Krieges, und man hört es jeder Zeile an. Martin Opitz hatte zuvor mit seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ (1624) die Regeln geliefert, nach denen deutsche Verse überhaupt kunstfähig werden sollten. Grimmelshausens „Simplicissimus“ schließlich erzählt den Krieg aus der Froschperspektive eines Narren — einer der großen Romane der deutschen Literatur, derb, komisch und erschütternd zugleich.

Diese Vertreter des Barock haben eines gemeinsam: Sie glauben nicht an die schlichte Aussage. Antithese, Häufung und Metapher sind ihre Mittel, weil die Welt selbst ihnen als Widerspruch erscheint.

In der Architektur des Hochbarocks wird dieselbe Spannung in Stein übersetzt. Versailles ist das berühmteste Beispiel absolutistischer Selbstdarstellung, doch im deutschsprachigen Raum sind es Bauten wie der Dresdner Zwinger, die Würzburger Residenz oder die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, die den Atem stocken lassen. Die Werke des Barock arbeiten mit Licht, mit Schwung, mit Deckenfresken, die den Himmel ins Gewölbe holen. Das ist Glanz, gewiss — aber ein Glanz, der von der Vergänglichkeit weiß. In vielen Kirchen jener Zeit grinst irgendwo, zwischen Putten und Goldranken, ein Skelett.

Vom Barock zur Klassik: Der Übergang der Ideale

Epochen enden nicht an einem Stichtag, sie ermüden. Schon um 1730 empfanden jüngere Komponisten den gelehrten Kontrapunkt als schwerfällig. Gefragt war nun der galante Stil: liedhafte Melodien, durchsichtige Begleitung, Musik, die gefallen wollte, statt zu belehren. Eine Schlüsselfigur dieses Übergangs ist Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, dessen Lehrbuch über das Flötenspiel von 1752 zugleich eine Ästhetik des neuen Geschmacks ist.

Hinter dem Stilwandel stand ein gesellschaftlicher. Der Barock war die Kunst der Höfe und der Kirche; was danach kam, wurde zunehmend vom Bürgertum getragen — von Lesern, Konzertbesuchern, Abonnenten. Wie sich diese Schicht formierte, zeigt der Beitrag über das Bürgertum im 18. Jahrhundert. Die Aufklärung setzte der barocken Überwältigung das Ideal der Klarheit entgegen, der Vernunft, der Natürlichkeit.

Aus diesem Klima erwuchs die Wiener Klassik mit Haydn, Mozart und Beethoven. Ihre Gattungen — die Sinfonie, die Sonate und das Streichquartett als Gespräch unter Gleichen — sind auch eine Absage an barocke Hierarchien: kein Generalbass mehr, der von unten das Fundament diktiert. Was mit dem Begriff gemeint ist, beleuchtet unser Essay über die Epoche der Klassik. Doch die Klassik hat den Barock nicht besiegt, sie hat ihn beerbt. Mozart studierte Bach mit Hingabe, Beethoven nannte Händel den größten Komponisten, der je gelebt habe.

Warum uns der Barock bis heute nicht loslässt

Man könnte den Barock für eine abgeschlossene Angelegenheit halten, ein Kapitel aus Glanz und Glamour vergangener Fürstenhöfe. Doch kaum eine Epoche ist im heutigen Konzertleben so präsent. Die historische Aufführungspraxis hat seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Barockmusik von der Patina des 19. Jahrhunderts befreit: Darmsaiten statt Stahl, kleine Ensembles statt Riesenchören, Tempi, die tanzen statt schreiten.

Vielleicht liegt die Anziehungskraft aber tiefer. Der Barock war eine Kunst für Menschen, die wussten, dass ihre Welt zerbrechlich ist, und die dennoch — oder gerade deshalb — auf Schönheit bestanden. Er kannte keine Harmlosigkeit. Seine Pracht war nie bloße Dekoration, sondern Trotz gegenüber dem Staub. Eine Gegenwart, die sich ihrer eigenen Gewissheiten nicht mehr sicher ist, erkennt in dieser Haltung womöglich mehr von sich selbst, als ihr lieb ist.

Der Barock hat die Vergänglichkeit nicht verdrängt. Er hat ihr eine Bühne aus Gold gebaut.

Wann war die Barockzeit also? Zwischen 1600 und 1750, gewiss. Aber eigentlich immer dann, wenn eine Kultur dem Untergang mit Überfluss antwortet statt mit Schweigen.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Wann war die Barockzeit genau?
Die Barockzeit wird meist auf etwa 1600 bis 1750 datiert. In der Literatur endet sie im deutschen Sprachraum eher um 1720, in der Musik mit dem Tod Johann Sebastian Bachs 1750. In der Architektur Süddeutschlands und Österreichs wirkte sie, übergehend ins Rokoko, noch deutlich länger nach.
Was waren die wichtigsten Motive der Barockzeit?
Zentral sind Vanitas, die Vergänglichkeit alles Irdischen, sowie das Memento mori und das Carpe diem. Dazu kommt die Spannung zwischen Diesseits und Jenseits. Die Kunst der Epoche stellt diese Gegensätze bewusst aus, etwa in Stillleben mit Totenschädel oder in Gryphius’ Sonett Es ist alles eitel.
Wer waren die bedeutendsten Komponisten des Barock?
Am Beginn steht Claudio Monteverdi, dessen L’Orfeo von 1607 als erstes Meisterwerk der Oper gilt. Den Gipfel des Spätbarocks bilden Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, beide 1685 geboren. Daneben prägten unter anderem Antonio Vivaldi, Henry Purcell und Georg Philipp Telemann die Epoche.
Wie unterscheidet sich der Frühbarock vom Spätbarock?
Der Frühbarock, etwa 1600 bis 1650, ist eine Zeit des Aufbruchs: Oper und Generalbass entstehen, während der Dreißigjährige Krieg Europa erschüttert. Der Spätbarock, etwa 1720 bis 1750, bringt mit Bach und Händel die Summe der Epoche hervor und geht bereits in Rokoko und galanten Stil über.
Welche Rolle spielte der Dreißigjährige Krieg für die Epoche?
Der Krieg von 1618 bis 1648 verwüstete weite Teile Mitteleuropas und machte Tod und Vergänglichkeit zur Alltagserfahrung. Daraus speist sich das barocke Lebensgefühl zwischen Todesbewusstsein und Lebensgier, das in der Lyrik von Andreas Gryphius und in Grimmelshausens Simplicissimus besonders deutlich wird.
Warum ist das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth so bedeutend für den Barock?
Das in den 1740er-Jahren für Markgräfin Wilhelmine errichtete Haus gehört zu den am besten erhaltenen Barocktheatern Europas. Sein von Giuseppe und Carlo Galli Bibiena gestalteter Logenraum aus bemaltem Holz zeigt barocke Raumkunst im Original. Seit 2012 ist es UNESCO-Welterbe.