"Die eigene Lebenswelt ist die Voraussetzung für eine souveräne Beherrschung des Stoffes."

Martin Mosebach - ein Porträt
© Claudia Schülke

Ein Sommernachtstraum in Frankfurt. So etwas gibt es also. Zumindest wenn man aus der dampfenden Main-Metropole an Marokkos luftige Atlantikküste flüchtet und von dort auf die überhitzten Menschlein zurückblickt wie Shakespeares Puck auf den Thymianwiesen. Dem Schriftsteller Martin Mosebach war es im vorigen Sommer zu heiß geworden unter den welken Kastanien des Frankfurter Holzhausenviertels. Also flog er nach Casablanca und reiste weiter ins kühlere Essaouira, um dort seinen ersten Kurzroman zu verfassen. Man könnte diesen auch als Novelle lesen. In 15 Kapiteln, vom Vollmond bis zum Neumond, erzählt der Autor von einer unerhörten, nämlich dämonischen Begebenheit zwischen Bankentürmen und Taunushügeln, und das so leicht und elfengleich, als sei er im Athener Zauberwald zu Hause.

Hommage an den Sommernachtstraum

Mit seiner Großstadt-Phantasmagorie verneigt sich Mosebach vor seinem Lieblingsstück. Der Mond und das Mädchen ist eine "Hommage an den Sommernachtstraum", sagt er selbst. Eigentlich liebt er ja eher die epischen Abschweifungen, oder er läßt die Zeit einfach stillstehen, wie sein Vorbild Heimito von Doderer. Diesmal aber hat Mosebach die Handlung vorangetrieben, ohne sie freilich der Action zu opfern. Alles schwebt und schillert in diabolischer Ironie. In einem verwünschten Mietshaus des verrufenen Gutleutviertels begegnet man alten Bekannten: Oberon und Titania im Immobiliengeschäft, zwei verwirrten Liebespaaren und einem maghrebinischen Kobold, der seine Gespielinnen einer Voodoo-Zauberin zuführt.

Ein Leben in Frankfurt

Mosebach kennt sich offenbar nicht nur in der bürgerlichen Welt Frankfurts aus, der er entstammt. 1951 in Sachsenhausen geboren, hatte er seine Heimatstadt zunächst aus der ländlichen Perspektive des Taunus kennengelernt, wo sein Vater, ein passionierter Liebhaber der Poesie, als Arzt in Königstein praktizierte. Als seine Familie ins Westend zog, war Mosebach gerade fünf Jahre alt. "Seitdem habe ich mich nicht mehr viel bewegt", schmunzelt der reiselustige Autor. Nach dem Abitur am Frankfurter Lessing-Gymnasium entschied er sich für ein Jura-Studium, weil ihm sein Vater von der Germanistik abgeraten hatte: Auch der Filius sollte sich seine Liebhaberhaltung zur Literatur bewahren.

Heute bereut es der Autor, dass er nur mit Überwindung Jura studiert hat, anstatt das Fach als sprachliche Präzisionsübung zu schätzen. Schließlich habe sogar Stendhal den Code Civil gelesen, um sich aufs Schreiben vorzubereiten. Die wilden Frankfurter Jahre hat Mosebach nur "als Zaungast" erlebt. Dabei waren etliche Häuser in seiner Nachbarschaft besetzt. "Die Studentenbewegung gehört nicht zu meiner Jugenderfahrung", erinnert er sich. "Ich befand mich nicht im Aufstand mit der Elterngeneration. Ich hatte gute Beziehungen zu Vaterfiguren." Schon während seiner Referendarzeit schrieb er seine ersten Erzählungen, die dann 1980, ein Jahr nach seinem zweiten Staatsexamen, mit dem Jürgen-Ponto-Förderpreis ausgezeichnet wurden. Erschienen sind sie erst 1995 unter dem Titel Stillleben mit wildem Tier.

Das Chaos der Welt mittels Kunst ordnen

Aber ihn zog das Epische an. Er will das Chaos der Welt mittels Kunst ordnen, begreifbar machen. So entstanden seine Romane Das Bett (1983), Ruppertshain (1985) und Westend (1992). Auch als Dramatiker versuchte er sich. Sein Versdrama Rotkäppchen und der Wolf wurde 1992 von dem Regisseur Hans Hollmann im Frankfurter Schauspiel, sein Text zu Carl Maria von Webers Oberon 1995 in der Frankfurter Oper aufgeführt. Offenbar hatte es ihm das Elfen-Sujet und Hexen-Milieu schon damals angetan und bis heute in Bann geschlagen.

Phantastische Einfälle und groteske Formen hatten ihn ja überhaupt zum Schreiben veranlasst, das realistische Erzählen kam dann erst hinzu. Dabei lehnt Mosebach stilistische Marotten ab. Er glaubt nicht, dass sich ein längerer epischer Zusammenhang mitteilen lässt, wenn sich die Form zu sehr in den Vordergrund drängt. "Mein Ideal ist, zur Unsichtbarkeit der Form zu gelangen", sagt er. Schreiben als asketischer Akt? "Als Exerzitium", entgegnet der Schriftsteller. Jedenfalls verordnet sich Mosebach jeden Tag eine Mindestmenge an Text, die er dann mit der Hand niederschreibt.

Jeden Tag eine Mindestmenge an Text

Als weiteres Mittel der Selbstdisziplin nutzt er die Ironie. Sie verschafft ihm den nötigen Abstand zu Figuren wie seinem Antihelden in dem Liebesroman Die Türkin, der 1999 erschien. Der endgültige Durchbruch gelang ihm im Jahr darauf mit dem Roman Eine lange Nacht. Sein Protagonist, ein gescheiterter Jura-Student und romantisches Schlitzohr, verkörpert ein mögliches Alter ego. Mit der Geschichte dieses schöngeistigen Taugenichts hat Mosebach seine "potentielle Biographie" erzählt. Er schwört auf "erlebtes Material". Man werde nicht zum Herrn der Tatsachen durchs Recherchieren. "Die eigene Lebenswelt ist die Voraussetzung für eine souveräne Beherrschung des Stoffs", weiß er.

Jeden Roman woanders schreiben

Aber : "Man darf nie da sein, worüber man schreibt", fügt er hinzu. Unter dem Druck der Fakten kann er nun einmal nicht schreiben. Er will seine Erfahrungen "verdaut" haben, die Lücken der Erinnerung mit eigenen Träumen und Phantasien füllen. Deshalb schreibt er jeden Roman woanders. Den für ihn atypischen, historischen Nebelfürst (2001), der über die Bären-Insel am Nordpol gebietet, etwa im indischen Radjastan, Das Beben (Hanser, 2005) wiederum, das ebendort spielt, im Wallis, in Kairo und Ahrenshoop und seinen jüngsten Roman unter dem Fächeln einer marokkanischen Dauerbrise. Kein Wort in Frankfurt. Hier hätte ihm die Disziplin gefehlt, wäre ihm das Gehirn ausgetrocknet. Was nicht heißen soll, dass seine Romane pure Planspiele eines rationalistischen Intellektuellen sind.

Sicher: Die kulturhistorischen Essays, die Mosebach in diversen Zeitungen veröffentlicht, auch die Streitschrift des gläubigen Katholiken für die vorkonziliare lateinische Liturgie, die unter dem Titel Häresie der Formlosigkeit inzwischen bei Hanser erschienen ist - sie weisen ihn als enzyklopädisch gebildet und diskursiv geschult aus. Doch Mosebach findet das am interessantesten, was einem Autor unterläuft, wenn er dem Unwillkürlichen folgt, dem Nichtgeplanten. Trotz aller Freude an Spiel und Selbstinzenierung ist das Schreiben für ihn ein spiritueller Akt - "wenn die Übung umschlägt ins Inspiration". Im Idealfall hält Mosebach das epische Werk nicht nur für ein "geordnetes Chaos", sondern für den Traum des Verfassers, den der Leser entschlüsseln soll - diesmal einen globalisierten Sommernachtstraum.